Philosophische Werkstatt

Eine Philosophische Werkstatt – was soll das sein? Ist die Philosophie nicht jene Wissenschaft, die sich in Worten erschöpft und keine Produkte hervorbringt? Die Fragen stellt und immer neu behandelt, ohne sie je abschließend zu beantworten? Ist sie nicht zweckfrei? Gründet nicht darin die Skepsis gegenüber der Philosophie und die Ansicht einiger, dass sie in der Schule und im öffentlichen Leben eine vernachlässigenswerte Randrolle spielt? Philosophen bauen keine Schränke, sie verlegen keine Kabel, sie entwerfen keine Häuser, sie programmieren keine Datenbanken und können keinen Motor reparieren. Was also tut man in einer Philosophischen Werkstatt?

Texte, Diskurse, Kritiken, Hypothesen, Essays, kurz: Sprache – das sind die Ausgangspunkte, Werkzeuge und Produkte der Philosophie. Darin reflektiert sie gesellschaftliche und technologische Entwicklungen, Sprache und Kommunikation, Erkenntnisse der Biologie und Physik, der Anthropologie und Soziologie, der Ökonomie und Geschichte; sie untersucht und hinterfragt das individuelle Handeln, politische Debatten und wissenschaftliche Paradigmenwechsel. Sie sammelt Informationen, die die empirischen Wissenschaften bereitstellen und stellt sie in einen größeren Kontext, verknüpft sie mit anderen Disziplinen, ermöglicht Transfer und Transformation von Wissen und macht dieses im Idealfall für das lesende, hörende, teilnehmende Individuum und dessen Alltag fruchtbar.

Das heißt methodisch: die Philosophie erörtert Fragen und Themen ergebnisoffen und nie letztgültig. Sie sucht sich in einzelnen Bereichen der vermeintlichen „Wahrheit“ zu nähern, ist sich aber stets bewusst, immer nur einen weiteren Beitrag, einen Entwurf zum Verständnis einzelner Themen und Erkenntnisse zu leisten, der jederzeit widerlegt oder ersetzt werden kann.

Dennoch ist sie kein bloßer Zeitvertreib, nicht nur ein kognitives Workout. Nicht allein aus den Antworten, die die Philosophie gibt, nein, auch aus ihren Fragen bezogen die Menschen vieler Kulturen in den letzten 3000 Jahren Impulse, die sie voran trieben. Es waren Philosophen, die zuerst nach Ursprung und Gestalt der Welt fragten, die über den Aufbau von Materie und den des Menschen spekulierten, von Energien, Elementen, Atomen und Körpersäften sprachen, die Gesellschaftsentwürfe wagten und über die Triebe, Motive und Ziele von Menschen raisonierten – kurz: die Fragen der Philosophie waren Ursprung für die Vielzahl an Wissenschaften, die wir heute als selbstverständlich erachten, der Biologie, der Astronomie, der Physik und Chemie, der Soziologie und Politikwissenschaften, der Psychologie und Anthropologie.

Wichtiger noch war aber ihre Herangehensweise der kritischen, dialektischen Diskussion. Viele in sich schlüssige Hypothesen und Konzepte mussten wieder verworfen werden, weil sie im Licht neuer Beobachtungen unhaltbar geworden waren. Manche philosophischen Positionen erlebten nach Jahrhunderten eine Renaissance, wurden wiederentdeckt, modifiziert, adaptiert – immer mit dem Ziel, die Welt und den Menschen in dieser Welt zu verstehen.

Religionen, Ideologien und Sophisten versuchten sich auch an solcherlei Fragen und gaben in den letzten Jahrtausenden viele Antworten und Erzählungen, die jeweils als höhere, letztgültige „Wahrheiten“ gehandelt wurden – auch wenn ihr erklärendes Potenzial im Laufe der Zeit an seine Grenzen stieß oder widerlegt wurde. Dogmatiker suchen Ordnung und Halt und ertragen drum die „Kultur des Relativismus“ mit ihrer prinzipiellen Offenheit und immer nur vorläufigen Erkenntnissen schwer. Ihnen geht es nicht um neue Theorien, die die Welt verständlich machen, sie wollen, dass die Welt weiter nach den vermeintlichen Regeln funktioniert, die ihre (geistigen) Vorfahren einst mit den Mitteln ihrer Zeit beobachteten, ersannen oder festzusetzen suchten. Sie wollen anderen nicht die Welt, sondern ihre Ansichten über die Welt begreiflich machen. Sie erschöpfen sich darin, Lehren in die Welt zu setzen, diese zu verteidigen, „rein“ zu halten und zu tradieren. Neue Erkenntnisse wurden unter diesen Vorzeichen oft mit Gewalt der jeweiligen Doktrin (Lehre) angepasst oder geleugnet; Paradigmenwechsel wurden – wenn überhaupt – erst nach Jahrhunderten akzeptiert, was oft genug zu (Ab-)Spaltungen so genannter Häretiker und zu teils bis heute andauernden kulturellen Konflikten führte.

Als Verein, der sich der Aufklärung und dem Humanismus verpflichtet fühlt, sehen wir in der „Offenen Gesellschaft“ eine Chance für den freien Diskurs, für die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen und eine Herausforderung, eine immer in Bewegung befindliche Welt mit ihren Entwicklungen und Widersprüchlichkeiten stets neu zu begreifen.

Die Themen liegen auf der Straße. Sie brennen unter den Nägeln. Sie drängen sich einem ungefragt auf. Einerseits die ewig wiedergekäuten, die in den Massenmedien regelmäßig routiniert recycelt werden, zu denen man sich erst mühsam einen Überblick und Standpunkt zu verschaffen versucht und die einen doch irgendwann anöden, weil sie überstrapaziert sind oder bei näherer Betrachtung schlicht banal. Zugegeben: Es ist schwer, zwischen medialen Strohfeuern und Ablenkungsdebatten einerseits, und wirklichen Problemen andererseits zu unterscheiden. Zudem sind jene Debatten, die an die Wurzeln von sozialen, politischen, ökologischen, kulturellen und ökonomischen Fragen heranführen unübersichtlich und erfordern einen skeptischen Blick, der sich von oberflächlichen Symptomen und rituell wiederholten Meinungsäußerungen nicht blenden lässt. Welchen Quellen vertraut man dabei? Welche Kausalitäten sind belegbar und glaubhaft? Was sind Ursachen, was sind Folgen? Auf welchen Beobachtungen und Theorien gründet man sein Weltbild?

So sind es oft nicht die Schlagzeilen der Blätter mit der größten Leserschaft, die wirklich relevant sind. Vielmehr entdeckt man in nächtlichen Diskussionen mit Freunden, bei der Lektüre namenloser Bücher oder einem Glückstreffer im World Wide Web unverhofft jene Themen, über die sonst geschwiegen wird und die viel grundlegender sind als die Frage, wer als nächstes im Amt des Bundespräsidenten hauptberuflicher Gesetzesunterzeichner wird.

Die Philosophische Werkstatt will diese Themen sammeln und beleuchten. Einmal im Monat werden wir uns treffen, in demokratischer Manier ein tagesaktuelles oder auch weitgehend unbeachtetes Sujet aufgreifen, erste Gedanken und Thesen dazu festhalten. Im Idealfall geht jedeR mit einigen Denkanstößen nach Hause, kann diese sacken lassen, weiter recherchieren und in unserem Co-Working-Bereich Beiträge einbringen.

Damit diese Diskussionen nicht ergebnislos bleiben, werden wir jeweils wenige Tage nach jedem Treffen einen Sendeplatz auf ColoRadio entern und dort live in einem einstündigen Format unsere aktuelle Debatte, Statements und Kritik unterbringen. Hier gehts zur Seite unserer Sendung!

Podcasts der Sendungen werden im Nachhinein HIER online gestellt. Angedacht ist ebenfalls, einmal im Jahr eine Zeitschrift herauszugeben, die jene Beiträge verschriftlicht und sammelt, die im Rahmen der Sendungen entstehen.

Die Werkstatt ist seit April 2012 „in Betrieb“. Ihr Ansprechpartner ist Falko Pietsch:
pietsch[ätt}gbsDresden.de

Die Treffen sind immer am 10. eines Monats, es sei denn, dies wäre am Wochenende; dann treffen wir uns am darauf folgenden Montag im „flax“, Schönfelder Str. 2, 01099 Dresden (veganes Café & Küche, rauchfrei!):

Co-Working-Bereich

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